Seite wählen
Einfach erklärt

Jedermannsrechte

Jedermannsrechte bezeichnen allgemeine Rechtsbefugnisse, die allen Menschen zustehen – unabhängig von Beruf, Funktion oder Staatsangehörigkeit. In Deutschland, Österreich und der Schweiz beschreibt das Jedermannsrecht gesetzliche Befugnisse, die Privatpersonen unter bestimmten Voraussetzungen wahrnehmen dürfen, etwa die vorläufige Festnahme eines Straftäters bei Fluchtgefahr.

Rechtssichere Sicherheitsdienste gesucht?
Geschultes Personal · Jedermannsrecht-Expertise · Bundesweit

Begriffsbestimmung und Bedeutung

Der Begriff Jedermannsrechte kann je nach Rechtsordnung unterschiedliche Bedeutungen haben:

  • Strafprozessuale Rechte (Deutschland, Österreich, Schweiz): Gesetzliche Befugnisse für Privatpersonen zur vorläufigen Festnahme, Notwehr und Notstand
  • Naturrechtliche Freiheiten (Skandinavien): Recht auf freie Nutzung der Natur ohne Erlaubnis (Allemansrätten)

Im deutschen Sicherheitskontext beziehen sich Jedermannsrechte primär auf strafprozessuale und strafrechtliche Befugnisse, die jedem Bürger zustehen.

Rechtliche Grundlagen in Deutschland

§ 127 StPO – Vorläufige Festnahme

Jede Person darf einen Täter vorläufig festnehmen, wenn dieser auf frischer Tat ertappt wird und Fluchtgefahr besteht. Die Polizei muss unverzüglich informiert werden.

Voraussetzungen:

  • Betroffener wird bei einer Straftat auf frischer Tat ertappt
  • Fluchtgefahr liegt vor oder Identität kann nicht sofort festgestellt werden
  • Polizei wird umgehend verständigt
  • Festgehaltene Person wird über Grund der Festnahme informiert

Beispiel: Eine Person wird beim Diebstahl in einem Geschäft erwischt. Der Ladendetektiv oder ein Zeuge darf sie bis zum Eintreffen der Polizei festhalten.

§ 32 StGB – Notwehr

Das Notwehrrecht erlaubt die Verteidigung gegen einen gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriff auf sich selbst oder andere. Das gewählte Abwehrmittel muss erforderlich sein, um den Angriff abzuwenden.

Voraussetzungen:

  • Gegenwärtiger Angriff (unmittelbar bevorstehend oder bereits begonnen)
  • Rechtswidrigkeit des Angriffs
  • Verhältnismäßigkeit der Verteidigungshandlung
  • Verteidigungswille (nicht bloße Rache oder Vergeltung)

Beispiel: Ein Angreifer attackiert eine Person mit Schlägen. Das Opfer darf sich wehren, solange es zur Abwehr des Angriffs erforderlich ist – auch mit Gewalt, wenn mildere Mittel nicht ausreichen.

§ 34 StGB – Rechtfertigender Notstand

Ein rechtfertigender Notstand erlaubt die Begehung einer ansonsten strafbaren Handlung, um eine gegenwärtige Gefahr für ein höherwertiges Rechtsgut abzuwenden.

Voraussetzungen:

  • Gegenwärtige Gefahr für Leben, Gesundheit, Freiheit, Ehre, Eigentum
  • Notwendigkeit der Handlung zur Gefahrenabwehr
  • Interessenabwägung: geschütztes Interesse überwiegt beeinträchtigtes Interesse
  • Verhältnismäßigkeit der Mittel

Beispiel: Ein Passant betritt ein fremdes Grundstück, um ein Kind aus einer lebensgefährlichen Situation zu retten. Der Hausfriedensbruch ist durch den Notstand gerechtfertigt.

Anwendungsbereiche im Alltag

Jedermannsrechte kommen in Situationen zur Anwendung, in denen sofortiges Handeln erforderlich ist und keine Zeit bleibt, auf Polizei oder Behörden zu warten:

  • Diebstahl oder Einbruch: Vorläufiges Festhalten des Täters bis zum Eintreffen der Polizei
  • Gewaltsame Übergriffe: Eingreifen zum Schutz des Opfers (Notwehr zugunsten Dritter)
  • Sachbeschädigung: Festnahme bei Zerstörung von Eigentum auf frischer Tat
  • Rettungssituationen: Betreten fremden Eigentums zur Rettung von Leben (Notstand)
  • Ladendiebstahl: Festhalten durch Ladendetektive oder Zeugen

Grenzen und Einschränkungen der Jedermannsrechte

Verhältnismäßigkeit ist zwingend

Das angewandte Mittel muss immer in angemessenem Verhältnis zur Situation stehen:

  • Nur erforderliche Gewalt anwenden (mildestes wirksames Mittel)
  • Bei geringfügigen Taten keine erheblichen Verletzungen verursachen
  • Festgehaltene Person über Grund der Festnahme informieren
  • Polizei unverzüglich verständigen

Verbotene Maßnahmen

Fesselung ist Privatpersonen verboten: Das Fixieren mit Handschellen, Seilen, Kabelbindern oder Klebeband ist nur Polizei, Soldaten oder autorisiertem Fachpersonal erlaubt. Privatpersonen, die einen Tatverdächtigen fesseln, machen sich der Freiheitsberaubung nach § 239 StGB strafbar.

Empfehlung: Sich Hilfe von Umstehenden holen, um einen mutmaßlichen Straftäter gemeinsam festzuhalten. Dies mindert das Risiko und erhöht die Sicherheit.

Selbstjustiz ist strafbar

Jedermannsrechte erlauben keine Selbstjustiz:

  • Einen Ladendieb zu schlagen ist Körperverletzung
  • Jemanden in einen Keller zu sperren ist Freiheitsberaubung
  • Überzogene Gewaltanwendung kann zu strafrechtlichen Konsequenzen führen
  • Die Polizei muss immer schnellstmöglich informiert werden

Relevanz für Sicherheitsdienste

In der Sicherheitsbranche spielen Jedermannsrechte eine zentrale Rolle, da Sicherheitspersonal in vielen Situationen auf diese rechtlichen Grundlagen angewiesen ist:

Befugnisse von Sicherheitspersonal

Sicherheitskräfte haben grundsätzlich keine erweiterten Befugnisse gegenüber normalen Bürgern. Ihre Handlungen basieren auf:

  • Jedermannsrechten (§ 127 StPO, § 32 StGB, § 34 StGB)
  • Hausrechtsübertragung durch den Auftraggeber
  • Vertraglichen Vereinbarungen mit dem Auftraggeber
  • Speziellen Schulungen zu Deeskalation, Verhältnismäßigkeit und rechtssicherem Handeln

Ausnahmen: Erweiterte Befugnisse

In bestimmten Bereichen können Sicherheitskräfte erweiterte Befugnisse erhalten:

  • Luftsicherheitskontrolle (§ 5 LuftSiG): Befugnisse zur Durchsuchung von Personen und Gepäck
  • Bewaffnetes Personal: Bei entsprechender Erlaubnis und Schulung (nur in speziellen Bereichen)
  • Hoheitlich beliehene Sicherheitskräfte: In Ausnahmefällen Übertragung hoheitlicher Aufgaben (z. B. in KRITIS-Bereichen)

Schulungen und Qualifikationen

Professionelle Sicherheitsdienste schulen ihr Personal intensiv:

  • Sachkundeprüfung nach § 34a GewO (Pflicht)
  • Rechtliche Grundlagen (Jedermannsrechte, Hausrecht, Notwehr)
  • Deeskalationstechniken und Kommunikation
  • Verhältnismäßigkeit und Dokumentation
  • Zusammenarbeit mit Polizei und Behörden

Jedermannsrecht als Naturrecht (Skandinavien)

In Schweden, Norwegen und Finnland bezieht sich das Jedermannsrecht (Allemansrätten, Everyman’s Right) auf das Recht zur freien Nutzung der Natur, solange man sie nicht schädigt oder andere stört. Dieses Gewohnheitsrecht erlaubt:

  • Freies Betreten von Wäldern, Wiesen und Gewässern (auch auf Privatgrundstücken)
  • Sammeln von Beeren, Pilzen und Blumen (außer geschützte Arten)
  • Zelten für kurze Zeiträume abseits bewohnter Gebiete
  • Baden und Angeln in öffentlichen Gewässern (Fischen oft mit Lizenz)

Warum gibt es das in Deutschland nicht?

Deutschland ist dicht besiedelt (237 Einwohner/km²) und viele Flächen sind privat oder geschützt. Das Betreten von Privatland erfordert die Erlaubnis des Eigentümers. Wildcamping ist ohne Erlaubnis illegal – Strafen bis zu 15.000 € (z. B. in Sachsen) sind möglich.

Praktische Hinweise für Bürger

Bei Diebstahl oder Straftaten

  1. Eigensicherung beachten: Nur eingreifen, wenn keine eigene Gefährdung besteht
  2. Polizei sofort rufen: Notruf 110 wählen
  3. Zeugen ansprechen: Umstehende um Mithilfe bitten
  4. Täter festhalten (nur bei Fluchtgefahr): Informieren, warum festgehalten wird
  5. Keine Fesselung: Nur körperlich festhalten, nicht fixieren
  6. Verhältnismäßig handeln: Nur erforderliche Gewalt anwenden
  7. Vorfall dokumentieren: Fotos, Zeugen, Sachverhalt notieren

Bei Notwehrsituationen

  1. Flucht priorisieren: Wenn möglich, Situation verlassen
  2. Verhältnismäßig verteidigen: Mildestes wirksames Mittel wählen
  3. Hilfe rufen: Umstehende laut ansprechen, Polizei alarmieren
  4. Nach Abwehr stoppen: Keine Vergeltung oder Bestrafung
  5. Polizei informieren: Vorfall melden, auch wenn Täter geflohen ist

Zusammenhang mit professionellen Sicherheitsdiensten

Professionelle Sicherheitsdienste kombinieren fundierte Kenntnisse der Jedermannsrechte mit praktischer Erfahrung, Deeskalationstechniken und rechtssicherer Dokumentation. Sie agieren als verlängerter Arm des Auftraggebers innerhalb rechtlicher Grenzen und arbeiten eng mit Polizei und Behörden zusammen.

Bei CIBORIUS Security schulen wir unser Personal intensiv in allen rechtlichen Grundlagen, um in kritischen Situationen rechtssicher, verhältnismäßig und professionell zu handeln – zum Schutz Ihrer Mitarbeiter, Besucher und Sachwerte.

Häufig gestellte Fragen

Wann darf ich eine Person festhalten?
Eine Person darf festgehalten werden, wenn sie bei einer Straftat auf frischer Tat ertappt wird und Fluchtgefahr besteht (§ 127 StPO). Die Polizei muss umgehend verständigt werden. Die Person muss über den Grund der Festnahme informiert werden.

Was ist der Unterschied zwischen Notwehr und Notstand?
Notwehr (§ 32 StGB): Verteidigung gegen einen gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriff auf sich selbst oder andere.
Notstand (§ 34 StGB): Eingriff in Rechte anderer, um eine gegenwärtige Gefahr für ein höherwertiges Rechtsgut abzuwenden (z. B. Leben retten durch Hausfriedensbruch).

Darf ich einen Ladendieb fesseln?
Nein. Fesselung mit Handschellen, Seilen, Kabelbindern oder ähnlichen Mitteln ist Privatpersonen verboten und stellt Freiheitsberaubung nach § 239 StGB dar. Sie dürfen die Person nur körperlich festhalten bis zum Eintreffen der Polizei.

Welche Strafen drohen bei falscher Anwendung der Jedermannsrechte?
Wer übermäßig Gewalt anwendet oder jemanden unrechtmäßig festhält, riskiert strafrechtliche Konsequenzen wie Anzeigen wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung oder Nötigung. Auch zivilrechtliche Schadensersatzansprüche sind möglich.

Haben Sicherheitskräfte mehr Rechte als normale Bürger?
Grundsätzlich nein. Sicherheitskräfte privater Unternehmen haben die gleichen Rechte wie alle Bürger (Jedermannsrechte). Zusätzlich können sie das Hausrecht des Auftraggebers wahrnehmen. Nur in speziellen Bereichen (z. B. Luftsicherheit) existieren erweiterte Befugnisse.

Was passiert, wenn ich jemanden zu Unrecht festhalte?
Wenn sich herausstellt, dass keine Straftat vorlag oder keine Fluchtgefahr bestand, kann die festgehaltene Person Sie wegen Freiheitsberaubung oder Nötigung anzeigen. Im Zweifel sollten Sie lieber die Polizei rufen als selbst zu handeln.

Gilt das Jedermannsrecht auch auf Baustellen?
Ja. Wenn auf einer Baustelle ein Diebstahl oder Einbruch auf frischer Tat entdeckt wird, darf der Täter bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten werden. Baustellenbewachung durch professionelle Sicherheitsdienste nutzt diese Rechte im Rahmen ihrer Tätigkeit.

Wie hilfreich war diese Seite?

Klicke auf die Sterne um zu bewerten

Durchschnittliche Bewertung / 5. Anzahl Bewertungen:

Bislang keine Bewertungen! Seien Sie der Erste, der diese Seite bewertet.

Es tut uns leid, dass dieser Beitrag für Sie nicht nützlich war!

Lasse uns diesen Beitrag verbessern!

Wie können wir diesen Beitrag verbessern?